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Die Agentur für unmögliche Wünsche

Das Buch mit dem deutschen Lektorat. Alle Seitenangaben beziehen sich auf die 68 Seiten der gelieferten PDF-Datei.

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Überarbeitet Die Agentur für unmögliche Wünsche Kapitel 1: Die Wege der Wünsche Es gibt Straßen, die führen irgendwohin. Zum Bahnhof beispielsweise. Zum Marktplatz. Oder zu jener Art von Verwandtschaft, die man grundsätzlich nur an Weihnachten besucht und selbst dann nicht besonders gerne. Und dann gibt es Straßen, bei denen man nie so genau weiß, wohin sie führen. Die kleine Straße, in der sich die Agentur für unmögliche Wünsche befand, gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie. Tagsüber war sie vollkommen gewöhnlich. Zumindest so gewöhnlich, wie eine Straße sein

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konnte, deren Kopfsteinpflaster vermutlich noch aus einer Zeit stammte, in der man schlechte Laune mit öffentlichen Hinrichtungen bekämpfte. Es gab eine Bäckerei, einen Blumenladen, eine Buchhandlung und ein Geschäft, das Dinge verkaufte, deren Existenz sich selbst bei großzügiger Auslegung des Begriffs „Bedarf“ nur schwer rechtfertigen ließ. Im Schaufenster dieses Geschäfts stand seit Jahren ein Porzellanfrosch mit einer goldenen Krone. Niemand hatte ihn je gekauft. Der Besitzer behauptete, es handle sich um ein besonders wertvolles Sammlerstück. Die Bewohner der Straße vermuteten, dass er schlicht zu hässlich war, um einen Käufer zu finden. Der Frosch selbst äußerte sich nicht dazu. Was vermutlich das Klügste war, das er tun konnte. Nachts allerdings veränderte sich die Straße. Nicht dramatisch. Es gab keine aufsteigenden

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Nebelschwaden, keine geisterhaften Kutschen und auch keine unheimlichen Stimmen, die aus dunklen Hauseingängen flüsterten. Jedenfalls nicht regelmäßig. Es waren eher Kleinigkeiten. Ein Haus stand plötzlich ein wenig weiter links als am Vortag. Eine Laterne beleuchtete eine Ecke, die es am Morgen noch nicht gegeben hatte. Und gelegentlich besaß die Straße eine zusätzliche Kurve. Das fiel erstaunlich wenigen Menschen auf. Wer spätabends nach Hause kam, war meistens zu müde, zu beschäftigt oder zu betrunken, um sich über die genaue Anzahl der Straßenkurven Gedanken zu machen. Außerdem hatten die meisten Menschen ohnehin Schwierigkeiten, sich daran zu erinnern, wo sie ihre Autoschlüssel hingelegt hatten. Da konnte man ihnen kaum zumuten, auch noch die Architektur ihrer Umgebung zu überwachen. Zwischen der alten Buchhandlung und dem

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Geschäft mit dem Porzellanfrosch befand sich eine schmale dunkelgrüne Tür. Darüber hing ein schwarzes Schild mit goldenen Buchstaben. AGENTUR FÜR UNMÖGLICHE WÜNSCHE Darunter stand in wesentlich kleineren Buchstaben: Wir erfüllen keine Wünsche. Wir sorgen lediglich dafür, dass sie den Weg zu dir finden. Die meisten Passanten hielten das für einen besonders ausgefallenen Werbespruch. Einige vermuteten eine Partnervermittlung. Andere ein esoterisches Beratungsunternehmen. Ein älterer Herr hatte einmal gefragt, ob man ihm helfen könne, seine verschwundene Fernbedienung wiederzufinden. Als er erfuhr, dass die Agentur dafür nicht zuständig war, hatte er erklärt, man solle sich gefälligst einen vernünftigen Beruf suchen. Aurelia, die Besitzerin der Agentur, hatte ihm daraufhin empfohlen, zunächst unter seinem Sofa nachzusehen.

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Drei Tage später kam der Mann zurück. Die Fernbedienung hatte tatsächlich unter dem Sofa gelegen. Er wollte wissen, woher Aurelia das gewusst hatte. Sie hatte ihm erklärt, dass es Dinge gebe, für die man keine Magie benötige. Der Mann war enttäuscht gewesen. Menschen waren häufig enttäuscht, wenn eine einfache Erklärung ausreichte. Aurelia fand das bedauerlich. Monsieur fand es unterhaltsam. Monsieur war ihre Katze. Genauer gesagt war er ihre einzige Mitarbeiterin, ihr inoffizieller Geschäftspartner und nach eigener Auffassung der eigentliche Grund dafür, dass die Agentur überhaupt funktionierte. Er war ein großer schwarzer Kater mit bernsteinfarbenen Augen und der bemerkenswerten Fähigkeit, auf jeden Menschen herabzusehen, unabhängig davon, ob dieser stand, saß oder sich bereits auf dem Boden befand. Monsieur bestand darauf, dass sein Name

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vollständig sei. „Monsieur wer?“, fragten Besucher gelegentlich. „Monsieur“, antwortete er. „Ja, aber Monsieur was?“ Daraufhin betrachtete er sie gewöhnlich so lange, bis ihnen die Frage selbst unangenehm wurde. Es war eine äußerst wirkungsvolle Methode. Aurelia hatte sie einmal bei einem besonders aufdringlichen Versicherungsvertreter ausprobiert. Leider hatte der Mann ihr Schweigen als Interesse missverstanden und daraufhin weitere siebenundzwanzig Minuten gesprochen. Seitdem überließ sie diese Technik lieber dem Kater. Dass Monsieur sprechen konnte, bemerkten übrigens nur Menschen, die etwas wirklich dringend wollten. Bei allen anderen miaute er. Er behauptete, das spare Zeit. Aurelia vermutete allerdings, dass er schlicht keine Lust hatte, sich mit Menschen zu unterhalten, deren größtes

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Problem darin bestand, dass ihr Nachbar am Sonntag den Rasen mähte. Aurelia selbst war eine Frau, deren Alter niemand zuverlässig bestimmen konnte. Manche schätzten sie auf vierzig, andere auf sechzig. Ein ausgesprochen unhöflicher Steuerberater hatte einmal behauptet, sie müsse mindestens hundertzwanzig sein, wenn ihre Buchführung genauso alt sei wie ihre Geschäftspraktiken. Aurelia hatte ihn danach nie wieder hereingelassen. Was nicht bedeutete, dass sie grundsätzlich etwas gegen Steuerberater hatte. Sie war lediglich der Meinung, dass ein Mensch, der beruflich mit Zahlen arbeitete, wenigstens bis hundertzwanzig zählen können sollte, ohne dabei beleidigend zu werden. Sie trug ihr dunkles Haar meistens hochgesteckt, wobei sich einzelne Strähnen regelmäßig selbstständig machten. Ihre Hals hing eine feine Kette mit einer kleinen goldenen Münze. Die Münze hatte sie vor vielen Jahren von der früheren Besitzerin der Agentur erhalten. „Du wirst schon wissen, wann du sie brauchst“, hatte die alte Dame gesagt. Aurelia hatte daraufhin gefragt, wofür sie sie denn brauche. „Das wirst du schon wissen.“ Sie hatte diese Antwort damals für ausgesprochen unbefriedigend gehalten. Und da sie selbst inzwischen eine gewisse Neigung entwickelt hatte, ähnlich unbefriedigende Antworten zu geben, musste sie gelegentlich über die Ironie des Lebens nachdenken. An diesem Montagmorgen allerdings beschäftigten sie wesentlich praktischere Dinge. Die Kaffeemaschine war kaputt. Schon wieder. Aurelia stand in der kleinen Küche hinter ihrem Büro und betrachtete das Gerät mit jener

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Mischung aus Hoffnung und Feindseligkeit, die Menschen gewöhnlich technischen Gegenständen entgegenbringen, nachdem sie zum dritten Mal erfolglos auf denselben Knopf gedrückt haben. „Du könntest einfach Tee trinken“, bemerkte Monsieur von der Türschwelle. „Ich möchte aber Kaffee.“ „Dann solltest du vielleicht eine Kaffeemaschine kaufen, die Kaffee macht.“ „Sie hat gestern noch funktioniert.“ „Gestern war gestern.“ Aurelia drehte sich zu ihm um. „Hast du heute Morgen eigentlich schon irgendetwas Konstruktives beigetragen?“ Monsieur überlegte. „Ich bin aufgestanden.“ „Beeindruckend.“ „Fand ich auch.“ Er verschwand wieder ins Büro. Aurelia sah ihm

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nach. Dann drückte sie ein viertes Mal auf den Knopf. Nichts. Sie seufzte. Manchmal fragte sie sich, weshalb es ihr gelang, für völlig fremde Menschen millionenschwere Finanzierungen zu organisieren, während sie an einem Haushaltsgerät scheiterte, dessen einzige Aufgabe darin bestand, heißes Wasser durch gemahlene Bohnen zu drücken. Das Leben hatte einen merkwürdigen Sinn für Humor. Und Aurelia hatte den Verdacht, dass Monsieur daran nicht ganz unschuldig war. ─── Die Agentur erfüllte tatsächlich Wünsche. Nicht solche wie „Ich hätte gerne schönes Wetter am Samstag“ oder „Mein Nachbar soll endlich seinen Baum schneiden“. Aurelia lehnte solche Aufträge ab. Zu klein, sagte sie. Wobei es durchaus Menschen gab, die bereit gewesen wären, für einen ordentlich geschnittenen Nachbarbaum beträchtliche Summen zu bezahlen. Aber Aurelia beschäftigte sich lieber mit Wünschen, die Menschen nachts wach hielten. Ein Unternehmen retten. Einen Menschen finden. Eine Tür öffnen, von der niemand wusste, wo sie war. Geld für etwas bekommen, das größer war als die eigenen Möglichkeiten. Den Mut finden, etwas zu beginnen. Manchmal auch den Mut, etwas zu verlassen. Die Menschen kamen mit ihren Geschichten zu ihr. Manche brachten dicke Aktenordner mit. Andere nur ein Foto, einen Brief oder eine Hoffnung, die inzwischen so klein geworden war, dass sie kaum noch wagten, darüber zu sprechen. Aurelia hörte zu. Sie stellte Fragen, telefonierte, vermittelte Kontakte, organisierte Begegnungen und brachte gelegentlich Menschen an einen Tisch, die sich unter gewöhnlichen Umständen nicht einmal im

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selben Gebäude aufgehalten hätten. Sie war erstaunlich gut darin. Niemand wusste genau, wie viele Menschen sie kannte. Sie selbst vermutlich auch nicht. Ihr Adressbuch war jedenfalls ein Gegenstand, dessen Verlust sie wesentlich mehr beunruhigt hätte als der ihrer gesamten Garderobe. Allerdings gab es eine merkwürdige Bedingung. Bevor sie einen Auftrag annahm, stellte sie jedem Besucher dieselben zwei Fragen. Die erste lautete: „Was möchtest du empfangen?“ Dann hörte sie zu. Und danach fragte sie: „Was gibst du hinein?“ Fast immer entstand an dieser Stelle ein Problem. ─── Herr Winter betrat die Agentur um neun Uhr

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siebenunddreißig. Er war sieben Minuten zu spät, was ihn offenbar so sehr störte, dass er bereits beim Eintreten dreimal auf seine Armbanduhr sah. Er trug einen ausgezeichneten Anzug. Einen dieser Anzüge, bei denen man auf den ersten Blick erkannte, dass der Träger großen Wert darauf legte, nicht auf den ersten Blick nach Geld auszusehen. Seine Aktentasche war aus feinem Leder, seine Schuhe glänzten, und seine Krawatte saß so perfekt, als hätte sie einen eigenen Arbeitsvertrag. Nur sein Gesicht passte nicht recht zum Rest. Es war das Gesicht eines Mannes, der seit Monaten mit Banken telefonierte. Menschen, die häufig mit Banken telefonieren, entwickeln irgendwann einen ganz besonderen Ausdruck. Eine Mischung aus angestrengter Höflichkeit, unterdrückter Verzweiflung und der stillen Hoffnung, dass der nächste Gesprächspartner ausnahmsweise

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tatsächlich etwas entscheiden darf. Herr Winter besaß diesen Ausdruck in bemerkenswerter Vollendung. „Guten Morgen“, sagte Aurelia. „Guten Morgen. Winter. Wir hatten telefoniert.“ Er stellte seine Aktentasche neben den Stuhl, setzte sich, stand wieder auf, zog sein Jackett glatt und setzte sich erneut. Aurelia beobachtete ihn. „Möchtest du etwas trinken?“ „Nein, danke.“ „Kaffee?“ „Nein.“ „Tee?“ „Nein.“ Monsieur hob den Kopf von seinem Kissen. „Dann hätten wir das geklärt.“ Herr Winter drehte sich um. Sein Blick blieb an der Katze hängen. „Entschuldigung?“

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„Du wolltest anfangen“, sagte Aurelia und deutete auf die Unterlagen. Herr Winter blinzelte. Dann beschloss er, dass er sich verhört haben musste. Er öffnete seine Aktentasche. Heraus kamen mehrere Mappen, ein Laptop, ein Notizbuch und ein Kugelschreiber, dessen Anschaffungspreis vermutlich ausgereicht hätte, um die Kaffeemaschine der Agentur zu ersetzen. Aurelia bemerkte das mit einem gewissen Unmut. „Ich brauche drei Millionen Euro.“ Monsieur hob den Kopf. „Bescheiden.“ Herr Winter erstarrte. Langsam drehte er sich zur Katze. „Hat die Katze gerade gesprochen?“ „Leider“, sagte Aurelia. Monsieur legte den Kopf wieder auf die Pfoten. „Undankbarkeit ist der Anfang jeder schlechten Geschäftsbeziehung.“

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Herr Winter starrte ihn an. Dann sah er Aurelia an. Sie erwiderte seinen Blick mit vollkommener Gelassenheit. Es entstand eine jener Pausen, in denen ein Mensch entscheiden muss, ob er gerade den Verstand verliert oder ob es vernünftiger wäre, das Ungewöhnliche einfach zu ignorieren. Herr Winter entschied sich für die zweite Möglichkeit. Er hatte schließlich ein Unternehmen zu finanzieren. Für einen Nervenzusammenbruch blieb später immer noch Zeit. Er begann zu erklären. Sein Unternehmen entwickelte eine Technologie, die in mehreren Industriezweigen eingesetzt werden konnte. Die ersten Kunden waren vorhanden, die Nachfrage stieg, und der Markt versprach erhebliches Wachstum. Aurelia stellte Fragen. Herr Winter beantwortete sie. Manchmal etwas zu ausführlich. Einmal erklärte er ihr acht Minuten

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lang die Unterschiede zwischen zwei Produktionsverfahren, obwohl sie lediglich wissen wollte, wie viele Kunden bereits verbindlich bestellt hatten. Monsieur schlief währenddessen ein. Zumindest sah es so aus. Bei der Frage nach der aktuellen Liquidität öffnete er allerdings ein Auge. Herr Winter erklärte, dass die bestehenden Mittel noch für einige Monate ausreichten, der nächste Entwicklungsschritt aber ohne zusätzliche Finanzierung nicht möglich sei. Drei Millionen Euro. Mindestens. Aurelia betrachtete die Unterlagen. Das Unternehmen war interessant. Die Technologie hatte Potenzial. Die Zahlen waren nicht perfekt, aber nachvollziehbar. Vor allem gab es tatsächlich Menschen, für die dieses Projekt interessant sein könnte. Sie dachte bereits an zwei mögliche Kontakte. Vielleicht drei. Einer davon war ausgesprochen schwierig. Aber

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schwierige Menschen waren nicht grundsätzlich ungeeignet. Man musste nur wissen, wann man sie anrief. Aurelia legte die Unterlagen auf den Tisch. „Drei Millionen“, wiederholte sie. „Mindestens.“ „Gut.“ Sie öffnete ihre Schreibtischschublade und nahm ein Formular heraus. „Unser Honorar beträgt sechstausend.“ Herr Winter blinzelte. „Vorher?“ „Ja.“ Er lehnte sich zurück. Ein kleines, fast mitleidiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Aurelia kannte dieses Lächeln. Es war das Lächeln eines Menschen, der gerade glaubte, einen wirtschaftlichen Zusammenhang erkannt zu haben, den sein Gegenüber offensichtlich übersehen hatte.

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„Aber wenn du doch Geld für mich beschaffen sollst, könntest du das nicht einfach davon nehmen?“ Monsieur öffnete ein Auge. Aurelia schwieg. „Ich meine“, fuhr Herr Winter fort, „wenn die drei Millionen da sind, sind sechstausend doch überhaupt kein Problem.“ „Das stimmt.“ „Dann machen wir es doch so.“ Herr Winter lächelte zufrieden. Er griff bereits nach seinem Kugelschreiber. Aurelia nahm das Formular und schob es zurück in die Schublade. „Dann kann ich deinen Auftrag leider nicht annehmen.“ Der Kugelschreiber blieb mitten in der Bewegung stehen. „Wegen sechstausend Euro?“ „Nein.“ Herr Winter sah sie an. „Weswegen dann?“

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Aurelia warf Monsieur einen kurzen Blick zu. Ein Fehler. Denn Monsieur interpretierte Blicke grundsätzlich als Aufforderung, seine Meinung mitzuteilen. Der Kater gähnte. Ausgiebig. Dann sagte er: „Der Mann möchte einen Ozean und verhandelt über ein Glas Wasser.“ „Monsieur.“ „Was denn?“ Herr Winter hatte inzwischen aufgehört, so zu tun, als könne die Katze nicht sprechen. Es gab offenbar Grenzen dessen, was ein Mensch aus Gründen der geistigen Gesundheit ignorieren konnte. „Das ist absurd.“ „Möglich“, sagte Aurelia. „Du könntest drei Millionen verdienen helfen und verzichtest darauf wegen sechstausend Euro?“ „Nein“, sagte sie ruhig. „Ich verzichte auf nichts.“ Herr Winter wartete. Offenbar rechnete er mit

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einer Erklärung. Aurelia hatte jedoch nicht vor, eine zu liefern. Sie betrachtete ihn freundlich. Herr Winter betrachtete sie weniger freundlich. Dann begann er, seine Unterlagen einzusammeln. Eine Mappe rutschte ihm aus der Hand. Mehrere Blätter verteilten sich auf dem Boden. Er bückte sich, sammelte sie ein und stieß dabei mit dem Kopf gegen die Tischkante. Monsieur beobachtete das Geschehen mit großem Interesse. Aurelia unterdrückte den Impuls, ihm einen warnenden Blick zuzuwerfen. Herr Winter richtete sich wieder auf. Seine Krawatte saß nicht mehr ganz so perfekt. „Ich halte das für ausgesprochen unprofessionell.“ „Das darfst du selbstverständlich.“ Er schloss seine Aktentasche. Etwas klemmte. Er öffnete sie erneut. Sortierte die Unterlagen um. Schloss sie wieder. Diesmal funktionierte es. „Guten Tag.“

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„Guten Tag, Herr Winter.“ Er ging. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Monsieur streckte sich. „Menschen.“ Aurelia lehnte sich zurück. „Sei nett.“ „Ich bin eine Katze. Wir wurden nicht für Nettigkeit erfunden.“ Er stand auf, ging zum Fenster und sah Herrn Winter nach. Dieser marschierte mit schnellen Schritten die Straße hinunter. Nach wenigen Metern blieb er stehen, zog sein Telefon aus der Tasche und begann offenbar bereits das nächste Gespräch. Monsieur betrachtete ihn. „Er wird wieder mit einer Bank telefonieren.“ „Vermutlich.“ „Armer Bankangestellter.“ Aurelia musste lachen. Dann sah sie auf die geschlossene Schublade. Sie hätte Herrn Winter helfen können. Vielleicht. Zumindest hätte sie es

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versuchen können. Aber sie hatte inzwischen gelernt, dass es Menschen gab, die Unterstützung suchten, und andere, die lediglich jemanden suchten, der ihnen das Risiko ihrer eigenen Wünsche abnahm. Der Unterschied war nicht immer sofort erkennbar. Manchmal zeigte er sich erst bei sechstausend Euro. ─── Am Dienstag kam Frau Levin. Sie erschien zehn Minuten vor ihrem Termin, was Monsieur zu der Bemerkung veranlasste, dass die Menschheit offenbar doch noch Hoffnung habe. Frau Levin war ungefähr Mitte vierzig, trug einen hellen Mantel und hatte ihr Haar mit einer Klammer hochgesteckt, die offensichtlich schon bessere Tage gesehen hatte. In ihrer Hand hielt sie eine Ledermappe. Keine Aktentasche. Keinen Laptop. Keine Präsentation mit neunundachtzig

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Folien. Nur eine Mappe. Aurelia fand das ausgesprochen angenehm. „Frau Levin?“ „Ja. Guten Morgen.“ „Komm herein.“ Frau Levin setzte sich. Sie sah sich kurz um. Ihr Blick blieb an Monsieur hängen. „Was für eine schöne Katze.“ Monsieur öffnete ein Auge. „Immerhin.“ Frau Levin hielt inne. Dann lächelte sie unsicher. „Hat er gerade …?“ „Ja“, sagte Aurelia. „Aber mach dir nichts daraus. Er hält sich für ausgesprochen wichtig.“ „Ich bin ausgesprochen wichtig.“ Aurelia ignorierte ihn. „Erzähl mir von deinem Unternehmen.“ Frau Levin öffnete ihre Mappe. Sie hatte ihr Unternehmen vor einigen Jahren gegründet. Aus einer Idee war zunächst ein kleines Geschäft

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entstanden, dann ein wachsender Betrieb. Es gab Kunden, Mitarbeiter und inzwischen mehr Aufträge, als die bestehenden Kapazitäten bewältigen konnten. Das war grundsätzlich erfreulich. Allerdings nur so lange, bis man feststellte, dass Wachstum Geld kostete. Und zwar meistens genau dann, wenn man es gerade nicht hatte. Frau Levin benötigte 1,8 Millionen Euro. Für neue Produktionsmöglichkeiten. Für Personal. Für den nächsten Entwicklungsschritt. Aurelia hörte aufmerksam zu. Sie stellte Fragen. Frau Levin beantwortete sie. Wenn sie etwas nicht wusste, sagte sie es. Wenn sie bei einer Zahl unsicher war, schlug sie nach. Und als Aurelia eine Schwachstelle in ihrer Planung ansprach, versuchte sie nicht, diese mit möglichst vielen Fremdwörtern zu überdecken. Sie dachte nach. Dann sagte sie, dass sie daran noch arbeiten müsse. Monsieur richtete sich auf

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seinem Kissen auf. Das kam selten vor. Nach einer Weile legte Aurelia die Unterlagen zur Seite. „Was gibst du hinein?“ Sie schob Frau Levin das Honorarformular zu. Sechstausend Euro. Frau Levin betrachtete die Zahl. Dann betrachtete sie Aurelia. Dann wieder die Zahl. Es war ihr anzusehen, dass sie gerade im Kopf rechnete. Aurelia kannte diesen Blick ebenfalls. Aber anders als bei Herrn Winter lag darin keine Empörung. Eher die unangenehme Erkenntnis, dass eine Entscheidung manchmal genau dort begann, wo die eigene Bequemlichkeit aufhörte. Frau Levin presste kurz die Lippen zusammen. „Bis wann?“ „Sieben Tage.“ Frau Levin nickte. Sie sah noch einmal auf das Formular. Dann hob sie den Kopf. „Dann überweise ich morgen.“

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Monsieur hob den Kopf. „Interessant.“ Frau Levin drehte sich zu ihm. „Was?“ „Nichts.“ Sie sah Aurelia an. „Warum schaut mich deine Katze so an?“ „Er schaut jeden so an.“ „Nein“, sagte Monsieur. „Manche sind langweiliger.“ Frau Levin lachte. Nicht dieses höfliche, zurückhaltende Lachen, das Menschen manchmal benutzen, wenn sie nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Sie lachte richtig. So plötzlich, dass sie sich selbst darüber zu wundern schien. „Ich glaube, ich mag deine Katze.“ Monsieur betrachtete sie. „Das passiert.“ Aurelia schüttelte den Kopf. Als Frau Levin die Agentur verließ, war sie noch immer nicht sicher, ob sie gerade eine sehr gute oder eine ausgesprochen verrückte Entscheidung getroffen hatte. Vermutlich beides. Das kam häufiger vor, als man dachte. Am nächsten Morgen ging die Zahlung ein. Aurelia sah die Bestätigung, legte Frau Levins Unterlagen auf ihren Schreibtisch und griff zum Telefon. Sie hatte bereits eine Idee. Eine ziemlich gute sogar. Allerdings wollte sie zunächst noch einige Dinge prüfen. Um 14:17 Uhr klingelte das Telefon. Aurelia nahm ab. „Aurelia.“ Sie hörte zu. Ihr Blick wanderte langsam zu den Unterlagen auf ihrem Tisch. „Tatsächlich?“ Monsieur hob den Kopf. Aurelia zog die Mappe näher heran. „Ich glaube, ich habe da etwas für dich.“

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Am anderen Ende sprach jemand. Aurelia lächelte. „Ja. Genau in dieser Größenordnung.“ Monsieur begann zu schnurren. Ein Investor wollte die Unterlagen sehen. Vier Tage später fand das erste Gespräch statt. Drei Wochen später lag eine Finanzierungszusage auf dem Tisch. Natürlich war das nicht so einfach gewesen, wie es sich in einem einzigen Satz erzählen ließ. Es hatte Gespräche gegeben. Rückfragen. Prüfungen. Noch mehr Rückfragen. Und einen ausgesprochen anstrengenden Nachmittag, an dem ein Anwalt vierundzwanzig Minuten über die Formulierung eines einzigen Absatzes gesprochen hatte. Monsieur hatte sich währenddessen auf die Tastatur gelegt. Aurelia hatte behauptet, es handle sich um ein technisches Problem. Was im weitesten Sinne sogar stimmte.

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Aber schließlich war es geschafft. Frau Levin kam zurück in die Agentur. Diesmal ohne Mappe. Dafür mit einer Flasche Champagner. Sie stellte sie auf den Schreibtisch. Ihre Augen glänzten. „Wie hast du das gemacht?“ Aurelia wollte gerade antworten. Doch Monsieur war schneller. „Du hast bezahlt.“ Frau Levin lachte. „Das kann ja wohl kaum der Grund sein.“ Monsieur putzte seine Pfote. „Natürlich nicht.“ Er ließ eine Pause entstehen. „Aber vielleicht der Anfang.“ Frau Levin sah ihn an. Dann Aurelia. „Ich glaube, ich werde diese Katze nie verstehen.“ „Das musst du auch nicht“, sagte Aurelia. Monsieur hob den Kopf. „Eine ausgesprochen vernünftige Einstellung.“

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Sie öffneten den Champagner. Aurelia holte zwei Gläser. Monsieur betrachtete die Flasche. „Und ich?“ „Du bist eine Katze.“ „Das ist mir bekannt.“ „Katzen trinken keinen Champagner.“ „Menschen sollten weniger verallgemeinern.“ Aurelia schenkte ein. Frau Levin lachte schon wieder. Und für einen kurzen Moment war die Agentur einfach nur ein gemütlicher Raum, in dem zwei Frauen auf einen Erfolg anstießen, während eine schwarze Katze beleidigt auf einem Samtkissen saß. Manchmal sah Magie erstaunlich gewöhnlich aus. ─── In den folgenden Wochen begann Aurelia etwas zu beobachten. Zunächst hielt sie es für Zufall. Dann für einen merkwürdigen Zufall. Dann für

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eine ganze Ansammlung merkwürdiger Zufälle. Und irgendwann waren es so viele, dass Zufälle langsam unverschämt wurden. Menschen kamen mit Wünschen. Großen Wünschen. Manche wollten Unternehmen aufbauen. Andere benötigten Kapital. Wieder andere suchten nach Möglichkeiten, Menschen oder Gelegenheiten, die ihnen bisher verschlossen geblieben waren. Aurelia stellte ihre Fragen. Und dann geschah etwas Merkwürdiges. Bei manchen Menschen begannen sich die Dinge zu bewegen. Nicht immer sofort. Nicht immer in die gewünschte Richtung. Aber es geschah etwas. Ein Telefon klingelte. Ein Kontakt meldete sich. Eine Gelegenheit entstand. Ein Vertrag kam zustande. Ein Mensch begegnete einem anderen. Als hätte jemand irgendwo eine Schleuse geöffnet. Bei anderen dagegen schien alles stehen zu

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bleiben. Termine platzten. Entscheidungen wurden verschoben. Menschen antworteten nicht. Kapitalgeber verschwanden. Verträge blieben liegen. Aurelia begann, sich Notizen zu machen. Sie kaufte ein kleines schwarzes Notizbuch und schrieb ihre Beobachtungen hinein. Monsieur betrachtete das Buch mit Misstrauen. „Was wird das?“ „Ich versuche, einen Zusammenhang zu erkennen.“ „Gefährlich.“ „Wieso?“ „Menschen, die Zusammenhänge erkennen wollen, fangen irgendwann an, Bücher darüber zu schreiben.“ „Und?“ „Dann müssen andere Menschen sie lesen.“ Aurelia ignorierte ihn. Sie verglich die Fälle. Die Wünsche. Die Entscheidungen. Die Reaktionen.

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Und immer wieder stieß sie auf denselben Unterschied. Manche Menschen waren bereit gewesen, etwas zu geben, bevor sie wussten, was sie dafür bekommen würden. Andere wollten zunächst das Ergebnis sehen. Sie wollten Sicherheit. Garantien. Gewissheit. Am liebsten hätten sie den Erfolg bereits auf dem Tisch liegen gehabt, bevor sie auch nur einen Finger bewegten. Aurelia konnte das verstehen. Niemand verlor gerne etwas. Schon gar nicht Geld. Aber langsam begann sie zu vermuten, dass es dabei um mehr ging. Denn sie hatte Ähnliches auch außerhalb ihrer geschäftlichen Aufträge beobachtet. Menschen, die sich nach Liebe sehnten, aber niemals zeigten, dass sie jemanden mochten. Menschen, die Vertrauen erwarteten, aber selbst grundsätzlich misstrauisch blieben. Menschen, die Anerkennung wollten, aber anderen kaum ein gutes Wort gönnten. Und Menschen, die sich

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Veränderung wünschten, während sie mit erstaunlicher Entschlossenheit alles dafür taten, dass möglichst nichts anders wurde. Das war keine Seltenheit. Im Gegenteil. Aurelia begann zu vermuten, dass die Menschheit einen erheblichen Teil ihrer Zeit damit verbrachte, Veränderungen herbeizuwünschen, deren Eintritt sie anschließend mit allen verfügbaren Mitteln verhinderte. Monsieur hielt das für eine durchaus plausible Theorie. Allerdings behauptete er, das sei bei Katzen anders. Katzen wüssten grundsätzlich, was sie wollten. Aurelia erinnerte ihn daran, dass er am vergangenen Abend fünfmal vor der geöffneten Terrassentür gestanden hatte, ohne sich entscheiden zu können, ob er hinausgehen wollte. Monsieur erklärte, er habe lediglich die Wetterbedingungen geprüft. Fünfmal. Gründlichkeit sei schließlich keine Schwäche.

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─── Eines Abends regnete es. Der Regen prasselte gegen die Fenster, lief in schmalen Bächen über die Scheiben und verwandelte die Straße draußen in ein verschwommenes Gemälde aus Licht und Schatten. Die Agentur war geschlossen. Aurelia hatte die Schuhe ausgezogen und saß mit einer Tasse Tee am Fenster. Ihr schwarzes Notizbuch lag auf dem Tisch. Daneben mehrere Unterlagen. Und auf diesen Unterlagen lag Monsieur. Obwohl ihm ausdrücklich verboten worden war, auf vertraulichen Unterlagen zu liegen. „Monsieur.“ Keine Reaktion. „Runter.“ Ein Ohr zuckte. „Ich sichere sie.“

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„Du schläfst darauf.“ „Physische Zugangskontrolle.“ Aurelia stellte ihre Tasse ab. Sie ging zum Tisch und zog ihm die Unterlagen unter dem Bauch weg. Monsieur ließ es geschehen, ohne auch nur die Augen zu öffnen. Es war eine bemerkenswerte Leistung. Aurelia setzte sich wieder ans Fenster. Sie betrachtete die Regentropfen. Dann ihr Notizbuch. Dann Monsieur. „Warum funktioniert es?“ Der Kater öffnete ein Auge. „Was?“ „Du weißt genau, was ich meine.“ Er schwieg. „Sie bezahlen – und etwas kommt.“ Monsieur setzte sich auf. „Und?“ „Warum?“ Er betrachtete sie. Lange genug, dass Aurelia

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bereits vermutete, er würde ihr wieder eine seiner besonders hilfreichen Antworten geben. Etwa, dass das Leben eben so sei. Oder dass sie mehr schlafen solle. Stattdessen sprang er vom Tisch. Er landete lautlos auf dem Teppich, ging zur hinteren Wand und blieb vor einer schmalen Tür stehen. „Komm.“ Aurelia sah ihn an. „Wohin?“ Monsieur wartete. Sie seufzte, stellte ihre Tasse ab und stand auf. „Wenn du mir jetzt deinen geheimen Vorrat an Katzenfutter zeigen willst, bin ich enttäuscht.“ Monsieur antwortete nicht. Das hätte Aurelia misstrauisch machen sollen. Denn Monsieur ließ sich nur äußerst selten eine Gelegenheit entgehen, jemanden zu beleidigen. ───

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Die Tür befand sich hinter der Agentur. Aurelia hatte sie schon oft gesehen. Sie war alt, dunkel und so unauffällig in die Holzvertäfelung eingelassen, dass Besucher sie gewöhnlich übersahen. Natürlich hatte Aurelia sich irgendwann gefragt, was dahinter lag. Aber alte Gebäude hatten ihre Eigenheiten. Und sie war der Meinung, dass man nicht jede Eigenheit eines alten Gebäudes unbedingt kennenlernen musste. Hinter manchen Türen befanden sich Heizungsrohre. Hinter anderen Besenkammern. Und hinter wieder anderen Dinge, die einem anschließend viel Zeit, Geld oder einen guten Handwerker kosteten. Monsieur setzte sich vor die Tür. „Mach auf.“ Aurelia verschränkte die Arme. „Ich habe keinen Schlüssel.“

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„Doch.“ „Nein.“ „Doch.“ Sie sah ihn an. „Wo?“ Monsieur richtete seinen Blick auf ihre Brust. Aurelia folgte ihm. Ihre Finger berührten die kleine goldene Münze an ihrer Halskette. Sie runzelte die Stirn. „Das ist eine Münze.“ „Menschen“, murmelte Monsieur. Aurelia nahm die Kette ab. Sie betrachtete die Münze. Dann die Tür. Erst jetzt bemerkte sie eine kleine runde Vertiefung im Holz. Sie trat näher. Die Münze passte genau hinein. „Das ist jetzt nicht dein Ernst.“ Monsieur schwieg. Aurelia setzte die Münze in die Vertiefung. Es klickte. Die Tür öffnete sich. Und dahinter lag keine

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Besenkammer. Auch keine Heizung. Nicht einmal ein Keller. Dahinter lag Nacht. Eine gewaltige, sternenübersäte Dunkelheit erstreckte sich vor ihr. Aurelia blieb stehen. Sie sah nach links. Nach rechts. Dann nach oben. Schließlich nach unten. Was sie dort sah, war ausgesprochen wenig. Genauer gesagt gar nichts. „Monsieur?“ „Ja?“ „Wo ist der Boden?“ „Unter dir.“ „Ich sehe keinen.“ „Das ist bedauerlich.“ Aurelia sah ihn an. „Ich werde nicht einfach in eine bodenlose Dunkelheit laufen.“ Monsieur trat über die Schwelle. Er ging einige Schritte. Dann setzte er sich. Mitten in der Luft. Aurelia starrte ihn an.

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„Du sitzt.“ „Ausgezeichnet beobachtet.“ Sie streckte vorsichtig einen Fuß aus. Er fand Halt. Sie verlagerte ihr Gewicht. Nichts geschah. Kein Absturz. Keine Katastrophe. Nicht einmal ein leichtes Wackeln. Aurelia trat über die Schwelle. Und vergaß augenblicklich den Boden. Denn vor ihr schwebten unzählige goldene Fäden. Millionen. Vielleicht Milliarden. Sie liefen in alle Richtungen. Manche waren dünn wie Haare. Andere breit wie Straßen. Sie kreuzten sich, trennten sich, verbanden sich erneut und verschwanden irgendwo in der unendlichen Dunkelheit. Auf ihnen bewegte sich Licht. Nicht schnell. Nicht langsam. Es floss. Von Mensch zu Mensch. Von Ort zu Ort. Von Hand zu Hand. Aurelia trat näher. Und plötzlich erkannte sie Bilder. Auf einem Faden sah sie eine Frau, die

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einem Kind die Hand reichte. Auf einem anderen übergab jemand einem Fremden einen Schlüssel. Auf einem dritten wechselte Geld den Besitzer. Auf einem vierten küsste eine alte Frau die Stirn ihres Mannes. Auf einem fünften unterschrieben zwei Menschen einen Vertrag. Überall geschah etwas. Menschen begegneten einander. Sie gaben. Sie empfingen. Sie entschieden sich. Sie öffneten Türen. Aurelia drehte sich langsam um die eigene Achse. Es war, als würde sie auf einmal Millionen kleiner Ausschnitte aus dem Leben betrachten. Jeder für sich unscheinbar. Und doch miteinander verbunden. „Was ist das?“, flüsterte sie. Monsieur setzte sich neben sie. Zum ersten Mal klang seine Stimme nicht spöttisch. „Das Feld.“ Aurelia sah hinaus in die unendliche Dunkelheit. „Was für ein Feld?“

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„Das zwischen den Dingen.“ Sie schwieg. Dann betrachtete sie ihn. „Das ist eine ausgesprochen ungenaue Antwort.“ Monsieur sah sie an. „Du hast eine ausgesprochen große Frage gestellt.“ Damit musste sie sich vorerst zufriedengeben. ─── Aurelia ging langsam zwischen den goldenen Fäden hindurch. Sie konnte nicht sagen, wie weit sie sich von der Tür entfernt hatte. Entfernungen schienen hier keine besondere Rolle zu spielen. Manchmal war etwas, das eben noch unendlich weit entfernt gewesen war, plötzlich direkt vor ihr. Und Dinge, die sie gerade noch beinahe berührt hatte, verschwanden im nächsten Augenblick in der Dunkelheit. Sie blieb vor einem besonders hellen Faden

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stehen. Darauf erschien ein Mann. Er gab einem anderen Menschen Geld. In dem Augenblick begann weit entfernt etwas auf ihn zuzukommen. Aurelia beugte sich vor. Es war nicht dasselbe Geld. Auch kein Geldschein, der auf wundersame Weise durch die Dunkelheit zurückflog. Es war etwas anderes. Eine Möglichkeit. Ein Gespräch. Ein Geschäft. Eine Verbindung. Sie sah, wie aus einer Begegnung eine weitere entstand. Wie Menschen miteinander sprachen. Wie Entscheidungen getroffen wurden. Und wie etwas, das zunächst unbedeutend gewirkt hatte, schließlich eine völlig neue Gelegenheit entstehen ließ. Aurelia folgte dem Licht mit den Augen. Dann entdeckte sie einen anderen Faden. Eine Frau stand vor einem Mann. Sie wirkte ängstlich. Ihre Hände zitterten. Aurelia konnte ihre Worte nicht hören. Doch sie sah, wie die Frau schließlich

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etwas aussprach, das sie offenbar lange zurückgehalten hatte. Der Mann hörte zu. Sein Gesicht veränderte sich. Dann nahm er ihre Hand. Etwas bewegte sich. Vertrauen. Aurelia spürte ein seltsames Ziehen in der Brust. Sie ging weiter. Auf einem anderen Faden sah sie einen Mann, der eine Frau liebte. Das war offensichtlich. Er sah sie an, als wäre sie der einzige Mensch in einem überfüllten Raum. Aber jedes Mal, wenn sie seinen Blick erwiderte, sah er weg. Er wollte etwas sagen. Das konnte Aurelia erkennen. Er öffnete sogar den Mund. Dann schloss er ihn wieder. Die Frau ging. Der Mann blieb stehen. Vor ihm lag ein goldener Faden. Doch nichts bewegte sich darauf. Aurelia betrachtete die Szene. „Warum kommt nichts?“ Monsieur setzte sich neben sie.

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„Weil nichts unterwegs ist.“ Sie sah ihn an. Dann wieder den Mann. Er stand noch immer dort. Wartend. Hoffend. Schweigend. Weil nichts unterwegs ist. Aurelia wiederholte den Satz in Gedanken. Langsam begann sie zu verstehen. Das Feld war kein Warenlager. Es war kein Ort, an dem Wünsche darauf warteten, abgeholt zu werden. Es war ein Raum der Bewegung. Etwas konnte nur zurückreisen, wenn ein Weg entstanden war. Und ein Weg entstand dort, wo etwas losgeschickt wurde. ─── „Also bekommt jeder zurück, was er gibt?“ Monsieur verzog das Gesicht. „Nein.“ „Aber—“ „Das wäre ein ausgesprochen schlechtes

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Universum. Stell dir die Buchhaltung vor.“ Aurelia musste lachen. „Dann erklär es mir.“ Monsieur ging zwischen den goldenen Fäden entlang. „Es geht nicht um Tausch.“ Er stupste mit der Pfote gegen einen Faden. Dieser begann zu schwingen. „Es geht um Öffnung.“ Ein weiterer Faden leuchtete auf. „Liebe kauft keine Liebe.“ Noch einer. „Vertrauen kauft kein Vertrauen.“ Ein dritter. „Und Geld kauft kein Geld.“ Monsieur sah sie an. „Aber was du wirklich hineingibst, öffnet in dir und zwischen euch den Weg, auf dem Gleichartiges überhaupt reisen kann.“ Aurelia schwieg. Sie dachte an den Mann, der

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seine Liebe nicht aussprach. An die Frau, die sich trotz ihrer Angst getraut hatte, die Wahrheit zu sagen. An die vielen Menschen, die in ihre Agentur kamen und etwas empfangen wollten. Monsieur betrachtete sie. „Wer niemals vertraut, kann Vertrauen kaum empfangen.“ „Weil er niemanden hineinlässt.“ „Genau.“ Aurelia sah wieder zu dem schweigenden Mann. „Wer keine Liebe gibt …“ „… hält häufig dieselbe Tür geschlossen, durch die sie zurückkommen müsste.“ Sie nickte langsam. Dann fiel ihr etwas ein. „Und Geld?“ Monsieur schnurrte. „Jetzt wird es interessant.“ ───

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Vor ihnen erschien Herr Winter. Aurelia erkannte ihn sofort. Seinen ausgezeichneten Anzug. Seine perfekt gebundene Krawatte. Und den Gesichtsausdruck eines Mannes, der vermutlich noch immer mit Banken telefonierte. Weit entfernt von ihm schwebte ein großes helles Gebilde. Es leuchtete wie eine kleine goldene Sonne. Aurelia betrachtete es. „Sind das seine drei Millionen?“ Monsieur sah sie an. „Es ist die Möglichkeit.“ Sie trat näher. Tatsächlich führte ein goldener Faden von Herrn Winter zu dem leuchtenden Gebilde. Der Weg war da. Zumindest beinahe. Denn unmittelbar vor ihm war der Faden unterbrochen. Aurelia runzelte die Stirn. „Warum?“ Monsieur zeigte auf seine Hände. Sie waren geschlossen. Fest. Als würde er etwas darin

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festhalten, das ihm unter keinen Umständen entgleiten durfte. „Er möchte empfangen.“ „Ja.“ „Aber er hält fest.“ Aurelia betrachtete die Hände. Dann den unterbrochenen Faden. Und plötzlich musste sie an den Kugelschreiber denken. An Herrn Winters Aktentasche. An die sechstausend Euro. Sie erinnerte sich an seinen Gesichtsausdruck, als sie das Honorar genannt hatte. Nicht die Sorge hatte ihn überrascht. Sondern die Vorstellung, selbst etwas einsetzen zu müssen, bevor das Ergebnis feststand. Er wollte drei Millionen. Aber er wollte nicht derjenige sein, der den ersten Schritt machte. Aurelia betrachtete die geschlossenen Hände. Mit geschlossenen Händen konnte man festhalten. Aber mit geschlossenen Händen konnte man auch nichts hineinlegen.

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Sie dachte darüber nach. Dann sah sie Monsieur an. „Aber vielleicht hatte er das Geld tatsächlich nicht.“ Monsieur nickte. „Vielleicht.“ „Dann wäre es doch vernünftig gewesen, nicht zu bezahlen.“ „Möglich.“ „Also lag es nicht an den sechstausend Euro?“ Monsieur betrachtete sie. „Du lernst.“ Aurelia verzog das Gesicht. Sie mochte es nicht besonders, wenn Monsieur sie wie eine etwas begriffsstutzige Schülerin behandelte. Vor allem dann nicht, wenn er recht hatte. Sie sah wieder zu Herrn Winter. Es ging nicht um die Summe. Es ging darum, ob jemand bereit war, selbst einen Weg zu eröffnen. Vielleicht hätte Herr Winter einen anderen Beitrag leisten

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können. Vielleicht eine andere Entscheidung treffen. Vielleicht ein Risiko eingehen, das er bisher vermieden hatte. Das Feld verlangte keine sechstausend Euro. Es verlangte überhaupt nichts. Es zeigte nur, was geschah, wenn Menschen etwas in Bewegung setzten. Und was geschehen konnte, wenn sie es nicht taten. ─── Dann erschien Frau Levin. Aurelia sah sie an ihrem Schreibtisch sitzen. Den hellen Mantel über der Stuhllehne. Die Ledermappe auf den Knien. Vor ihr lag das Honorarformular. Sechstausend Euro. Aurelia erinnerte sich an das Zögern. An den Moment, in dem Frau Levin die Zahl betrachtet hatte. An ihre Frage. „Bis wann?“

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Und schließlich an ihre Entscheidung. „Dann überweise ich morgen.“ Das Bild veränderte sich. Aurelia sah Frau Levin am nächsten Morgen. Sie saß vor ihrem Computer. Ihre Hand ruhte auf der Maus. Einen Augenblick zögerte sie. Dann klickte sie. Die Überweisung wurde ausgelöst. Und in diesem Moment begann der goldene Faden vor ihr zu leuchten. Zunächst nur schwach. Dann heller. Eine Linie verband sich mit einer anderen. Ein weiterer Weg entstand. Und plötzlich sah Aurelia das Telefonat. Den Investor. Die Unterlagen. Das erste Gespräch. Die Finanzierungszusage. Alles war miteinander verbunden. Nicht weil sechstausend Euro 1,8 Millionen gekauft hatten. Nicht weil das Universum Zinsen zahlte. Sondern weil Frau Levin etwas getan hatte, bevor sie wusste, was zurückkommen würde. Sie hatte ihre Seite geöffnet. Etwas war

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unterwegs. Und plötzlich konnte auch etwas zu ihr unterwegs sein. Aurelia bekam eine Gänsehaut. „Deshalb.“ Monsieur nickte. „Deshalb.“ Sie betrachtete die goldenen Fäden. Einige waren hell. Andere dunkel. Manche führten weit hinaus. Andere endeten nach wenigen Schritten. Und Aurelia verstand noch etwas. Nicht jeder Weg führte zum gewünschten Ziel. Nicht jeder Einsatz brachte Erfolg. Aber ohne Bewegung blieb vieles, was möglich gewesen wäre, für immer unerreichbar. Sie stand eine Weile schweigend neben Monsieur. Dann sah sie ihn an. „Du hättest mir das auch einfach erklären können.“ Monsieur betrachtete die unendliche Dunkelheit. „Hätte ich.“

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„Warum hast du es nicht getan?“ „Du hättest mir nicht geglaubt.“ Aurelia wollte widersprechen. Dann überlegte sie. Schließlich seufzte sie. „Vermutlich nicht.“ Monsieur nickte zufrieden. „Siehst du.“ ─── Am nächsten Morgen änderte Aurelia das Schild vor ihrer Agentur. Unter den goldenen Buchstaben AGENTUR FÜR UNMÖGLICHE WÜNSCHE stand nun: Wir sorgen dafür, dass Wünsche den Weg zu dir finden. Und darunter fügte sie eine weitere Zeile hinzu: Bitte halte den Rückweg frei. Sie trat einige Schritte zurück. Betrachtete das

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Schild. Legte den Kopf schief. Dann lächelte sie. Ein Mann blieb neben ihr stehen. Er las den Text. Dann noch einmal. Schließlich fragte er: „Was soll denn das bedeuten?“ Aurelia sah ihn an. „Was glaubst du?“ Der Mann runzelte die Stirn. Er betrachtete das Schild erneut. Dann schüttelte er den Kopf. „Keine Ahnung.“ „Dann ist es vielleicht noch nicht wichtig.“ Der Mann sah sie an, als hätte sie ihm gerade erklärt, dass sein Regenschirm ein Geheimnis besitze. Dann ging er weiter. Aurelia sah ihm nach. Aus der geöffneten Tür hinter ihr kam Monsieurs Stimme. „Ein vielversprechender Anfang.“ „Sei nett.“ „Ich habe nichts gesagt.“ „Doch.“ „Dann war es vermutlich wichtig.“

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Aurelia lachte. Die meisten Menschen verstanden das Schild nicht. Das war in Ordnung. Diejenigen, die es verstehen mussten, verstanden es irgendwann. ─── Viele Jahre später wurde die Agentur berühmt. Nicht durch Werbung. Nicht durch große Kampagnen. Und ganz sicher nicht durch Monsieur, obwohl dieser gelegentlich behauptete, dass sein außergewöhnliches Charisma maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg beigetragen habe. Menschen erzählten anderen Menschen von der Agentur. Ein Unternehmer empfahl sie einem Freund. Eine Künstlerin erwähnte sie bei einer Ausstellung. Ein Investor gab ihre Telefonnummer weiter. Und irgendwann kamen Menschen aus allen Teilen der Welt.

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Unternehmer. Künstler. Verliebte. Menschen mit großen Plänen. Menschen mit gebrochenem Herzen. Menschen, die Geld suchten. Menschen, die Mut suchten. Menschen, die etwas verloren hatten, von dem sie nicht einmal wussten, wie es hieß. Aurelia empfing sie alle. Sie hörte zu. Sie stellte Fragen. Und irgendwann kam immer derselbe Moment. „Was möchtest du empfangen?“ Die Menschen antworteten. Manche sofort. Andere nach langem Überlegen. Einige redeten so viel, dass Monsieur zwischendurch einschlief. Dann stellte Aurelia ihre zweite Frage. „Was davon bist du bereit, zuerst in die Welt zu geben?“ Manche gingen. Manche wurden wütend. Manche diskutierten. Und manche wurden sehr still. Diese mochte Monsieur am liebsten. Denn

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meistens waren es genau diese Menschen, die verstanden hatten, dass die Frage nichts mit einer Rechnung zu tun hatte. Sie begannen, über ihre eigenen Möglichkeiten nachzudenken. Über Entscheidungen, die sie treffen konnten. Über Dinge, die sie geben konnten. Und manchmal auch darüber, was sie bisher zurückgehalten hatten. Aurelia erklärte ihnen das Feld nicht. Sie erzählte nichts von den goldenen Fäden. Nichts von der Tür. Und nichts von jener Nacht, in der Monsieur sie zum ersten Mal dorthin geführt hatte. Nicht weil es ein Geheimnis bleiben musste. Sondern weil manche Dinge ihre Bedeutung verlieren, wenn man sie zu früh erklärt. Sie müssen erlebt werden. ─── Eines Abends saßen Aurelia und Monsieur

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wieder vor der geöffneten Tür. Draußen war es längst dunkel. Die Agentur war geschlossen. Auf dem Schreibtisch stand eine halb geleerte Tasse Tee. Die Kaffeemaschine funktionierte inzwischen wieder. Niemand wusste genau, warum. Aurelia hatte beschlossen, diese Angelegenheit nicht weiter zu untersuchen. Es gab schließlich Grenzen dessen, was ein Mensch über Magie wissen musste. Vor ihnen leuchtete das Feld. Unzählige Dinge waren unterwegs. Liebe. Mut. Vertrauen. Wissen. Geld. Zeit. Aufmerksamkeit. Chancen. Verbindungen. Alles reiste. Aurelia betrachtete die Milliarden goldenen Wege. Manche entstanden gerade erst. Andere verbanden Menschen, die sich noch nie begegnet waren. Wieder andere schimmerten nur schwach, als warteten sie darauf, dass jemand den Mut fand, den ersten Schritt zu machen.

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Sie saß lange schweigend da. Monsieur lag neben ihr. Sein Schwanz bewegte sich gelegentlich. Dann stellte Aurelia eine Frage. „Monsieur?“ „Hm?“ „Was ist eigentlich der größte Fehler, den Menschen machen?“ Die Katze dachte ungewöhnlich lange nach. Aurelia wartete. Schließlich sagte er: „Sie stehen vor einer verschlossenen Tür und bitten darum, dass etwas hereinkommt.“ „Und?“ „Dabei halten sie den Schlüssel in der Hand.“ Aurelia lächelte. „Und was ist der Schlüssel?“ Monsieur sah sie an, als wäre die Antwort offensichtlich. „Der erste Schritt von ihrer Seite.“ Dann sprang er auf ihren Schoß, drehte sich dreimal im Kreis und legte sich hin. Aurelia strich

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ihm über das Fell. Der Kater begann zu schnurren. Eine Weile schwiegen sie. Dann fügte Monsieur hinzu: „Und gelegentlich sechstausend Euro.“ Aurelia lachte. „Du bist unmöglich.“ „Deshalb arbeite ich hier.“ Draußen schlug die Uhr Mitternacht. Irgendwo öffnete sich eine Tür. Irgendwo sagte ein Mensch zum ersten Mal: Ich vertraue dir. Irgendwo sagte jemand: Ich liebe dich. Irgendwo überwies jemand Geld für etwas, an das er glaubte. Und irgendwo anders setzte sich etwas in Bewegung. Vielleicht war es Zufall. Vielleicht war es nur das Leben. Vielleicht hatte Monsieur recht und zwischen allen Dingen existierte tatsächlich ein Feld, das weniger darauf achtete, was Menschen sich wünschten, als darauf, welche Wege sie durch ihr eigenes Handeln öffneten.

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Doch in der Agentur kannte man ein altes Gesetz. Es stand in keinem Vertrag. Es hing an keiner Wand. Und Aurelia erklärte es niemals ihren Kunden. Denn manche Dinge verlieren ihre Bedeutung, wenn man sie zu früh erklärt. Sie müssen erlebt werden. Das Gesetz lautete: Was du empfangen möchtest, braucht einen Weg zu dir. Und manchmal entsteht dieser Weg erst in dem Augenblick, in dem du selbst etwas von dir fortschickst. Liebe öffnet den Weg für Liebe. Vertrauen öffnet den Weg für Vertrauen. Wert öffnet den Weg für Wert. Und manchmal öffnet Geld den Weg, auf dem Geld überhaupt erst reisen kann. Nicht, weil das Leben ein Geschäft wäre. Sondern weil selbst das größte Geschenk einen offenen Weg braucht, um dich erreichen zu können. Und wer immer nur auf das wartet, was kommen soll, bemerkt vielleicht sein ganzes Leben nicht,

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dass er selbst vor der Tür steht. Mit dem Schlüssel in der Hand. Aurelia betrachtete noch eine Weile die goldenen Fäden. Dann stand sie auf. Monsieur, der gerade erst eine bequeme Schlafposition gefunden hatte, rutschte empört von ihrem Schoß. „Was soll das denn?“ „Ich gehe ins Bett.“ „Jetzt?“ „Es ist nach Mitternacht.“ „Und?“ „Ich bin müde.“ Monsieur sah sie vorwurfsvoll an. „Menschen.“ Aurelia nahm die goldene Münze aus der Tür und hängte sie wieder um ihren Hals. Die Tür schloss sich lautlos. Das Feld verschwand. Sie löschte das Licht im Büro. Monsieur folgte ihr mit jener beleidigten Würde, die nur Katzen beherrschen, deren Schlaf durch die Rücksichtslosigkeit ihrer Mitbewohner unterbrochen wurde. Als Aurelia die Treppe hinaufging, hörte sie ihn hinter sich murmeln: „Man sollte meinen, dass jemand, der Zugang zu den Geheimnissen des Universums hat, wenigstens vernünftige Arbeitszeiten einhalten könnte.“ Aurelia lächelte. Sie sagte nichts. Denn in einer Sache hatte Monsieur vollkommen recht. Manche Wünsche waren tatsächlich unmöglich. Und dazu gehörte offenbar auch ihr Wunsch nach einer Katze, die gelegentlich einfach den Mund hielt.

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Aurelia mit dem schwarzen Kater Monsieur in der Agentur
Illustration aus der gelieferten Buchdatei

Originalseite 68

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